dessen Mäander sich nicht für eine Richtung zu entscheiden scheinen können
(Dabei ist diese weitaus klarer als das dahinfließende Wasser, welches sich unaufhaltsam seinen Weg zum großen Bruder Amazonas bahnt, um sich gemeinsam mit ihm in den Atlantik zu ergießen.).
…noch ein letzter Strand:
einer jener welcher, die sich erst die letzten Wochen durch den sinkenden Wasserspiegel herausgebildet haben, seitdem als Anbaufläche für Bohnen und Mais genutzt werden, letztlich aber so vergänglich sind wie das gesamte Landschaftsbild.
Dann geht es eigentlich nur noch geradeaus!
Am Horizont hebt sich das Ziel schon weiß strahlend ab – unfassbar weiß, unnatürlich weiß, ein gar himmlisches Weiß. Und ungeachtet des Wissens über die Hinter- und Abgründe dieses Ortes erscheint dieser nach all den Stunden der beschwerlichen Reise, nachdem Wind und Wetter am Körper gezerrt, Sonne und Monotonie Körper und Seele ausgezerrt haben, einfach nur paradiesisch.
Es gibt viel zu sehen im „Garten Eden“:
der bis dahin und seit Ewigkeiten einfach nur dahingleitende braune Strom scheint mit einem Mal in einem Heer von Booten zu brodeln. Mit ihren Netzen zerpflücken sie das Wasser – immer auf der Suche nach dem großen Fang oder zumindest dem täglichen Brot. Doch Hunger leidet hier niemand, denn der Strom treibt einem unablässig Fische in die aufgestellten Netze, die ausgebreiteten Arme, ins offene Maul; an seinen fruchtbaren Ufern wachsen alle denkbaren und ungekannten (Feld-) Früchte; die Wälder sind reich an Wild.
Der Hunger, der uns an- und nach vorne treibt, ist ein anderer, ein alles verschlingender… - nenn es Kultur, nenn es Zivilisation oder nenn es von beidem keins; denn beides wirst Du hier nicht finden.
Die Fruchtbarkeit der Natur überträgt sich hier auch auf die Menschheit, so dass die Uferwände und Sandbänke vom Lärm der Kinder widerhallen. Große, dunkle Kinderaugen begleiten denn dann auch unseren weiteren Weg.
Wir halten uns auf der linken Seite, der Seite des Barrranco, des Steilhangs, der zu dieser Zeit des Jahres weit über 10 Meter hoch ist. Von oben prasselt es Blicke; hier unten häuft sich der letzte Rest der sogenannten Zivilisation. Auf seiner gesamten Breit dient der Barranco als natürliche Müllhalde, in der man die Geschichte dieser Stadt lesen kann. In der Hoffnung auf die nächste Regenzeit harrt der Abfall an den Hängen aus, um demnach vom wild schäumenden Strom hinfort getragen zu werden und diese unrühmlichen und ewigen Erinnerungen des menschlichen Fortschrittes dem Vergessen in den Weiten und Tiefen der Ozeane zuzutragen. Nur wenige der Müllberge sind „biologisch abbaubar“ – dabei handelt es sich um die riesigen Berge angehäufter Sägespänne, die dennoch weit weniger beeindruckend und pittoresk als die Urwaldriesen sind, aus denen sie einstmals hervorgegangen sind. So weichen die Bäume dem Hunger der Menschheit oder dem ihrer Rinder, die sich in Form der unschuldig anmutenden, ganz in weiß gekleideten Zebus immer weiter in die Wälder fressen. Dafür, d.h. um neue Weidegründe zu erreichen, wird die Kuh zur Seekuh und auf ein Käfig-gleiches Boot verladen.
Jetzt, da sich die ersten Häuser deutlich abzeichnen, bloß nicht das Ziel aus den Augen verlieren.
Zumal die Geschäftigkeit zu Wasser du die zunehmende Dichte an Wasserfahrzeugen das Ende der Reise andeuten. Boote und Schiffe gibt es in allen erdenklichen und ungekannten Formen, Farben und Bauweisen – gemeinsam ist ihnen nur der hölzerne Grundbaustein und die „Seetauglichkeit“, die in den geschäftigen, familienbetriebenen „Werften“ einzig durch deren Erfahrung zertifiziert wird (Wer oder was ist ein TÜV!?). Dabei muss beachtet werden, dass die meisten größeren Boote nicht nur Arbeits- oder Transportmittel darstellen, sondern gleichsam Heim, Herd und Lebensmittelpunkt!
Man lebt auf dem Fluss, man lebt vom Fluss, man lebt mit dem Fluss!
So verwundert es dann auch nicht weiter, dass das fliegengleiche Herr der Händler den „Bedürftigen“ aufs Wasser gefolgt ist: dem „Drive-In“-Gedanken sei Dank muss man sein Boot eigentlich nicht mehr verlassen.
Doch jetzt wird der Reisende langsam ungeduldig, weil erwartungsfroh – wenige Meter fehlen. Der Mercado fliegt vorbei - unschwer erkennbar an den geschäftigen Ameisen, die kistenweise frischen Fisch und etliche Rinderhälften nach oben schaffen, und an den übel riechenden Resten der feilgebotenen Tiere, die fliegender Weise nach unten kommen – sehnlichst erwartet von Hund und Rabengeier.
Wir haben es geschafft!
Wir haben den Zusammenfluss von Rio Purus und Rio Acre erreicht:
hier tummeln sich die letzten Flussdelphine (Wie lange noch!?), hier liegt die schwimmende Tankstelle vertäut, hier legen auch wir an.
Herzlich Willkommen am Arsch!
Bem-Vindo!
BOCA do ACRE
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