Der vielleicht häufigste und wichtigste Anlass für eine Kaffeezeremonie ist gegeben, wenn eine Frau im wahrsten Sinne des Wortes “Mit-Streiterinnen” hierzu einlädt, um einen aktuellen Konflikt zu besprechen und ihn möglichst zu lösen. Die Kaffeezeremonie ist also in starkem Maße eine Frauensache - so stark wie der Kaffee, der den Frieden wieder herstellen soll.
Anders als bei uns kaufen die Hausfrauen auf dem Markt keinen gerösteten Kaffee, sondern noch grüne Rohkaffeebohnen. Diese rösten sie dann zu Hause über meist offenem Feuer auf Metallpfannen. Diese Metallgefäße dienen als Röstpfannen. Sie stehen auf einem mit glühender Holzkohle gefüllten kleinen, mobilen Metallofen, vor dem die Frau, die den Kaffee zubereitet, auf einem Hocker Platz genommen hat.
Die rohen Bohnen werden nun mit einem gewinkelten Alu- oder Metallstab so lange auf der heißen Blechunterlage hin- und her bewegt, bis die Bohnen den richtigen Röstgrad erreicht haben. Auf Grund der sehr uneinheitlichen Bohnen ist auch das Röstbild sehr uneinheitlich: von noch recht hellen über braune bis hin zu kohleähnlichen Bohnen ist alles vertreten.
Ist der Röstvorgang abgeschlossen, werden die heißen Bohnen in einen kleinen Holzmörser geschüttet und mit einem steinernen oder metallenen Stößel zu Kaffeepulver zerstoßen. Gleichzeit kocht auf dem Holzkohleofen Wasser in einer Jebanna. So heißen die äthiopischen Kaffeekannen: ein bauchiges Tongefäß mit Ausgusstülle und einer schmalen, halsförmig hochgezogenen Öffnung nach oben. Diese Jebannas gibt es in verschieden Größen, für Anlässe jeder Art.
Sobald das Wasser kocht, wird das Kaffeepulver mit einem Löffel in die halsförmige Öffnung der Jebanna gegeben. Je nach Ansicht der betreffenden Frau kocht sie den Kaffee nun zwischen ein- und drei Mal auf. Beim Rösten über dem Feuer und auch dem Aufkochen kann es teilweise zu einer starken Rauchentwicklung kommen. Wer beim ersten Mal an solch einer Zeremonie teilnimmt, sollte sich darauf einstellen. Zudem gesellt sich zum anfänglichen Rauch der Holzkohle und dem beim Rösten entstehenden Wasserdampf auch noch der Duft von Weihrauch, der die besondere Bedeutung der Zeremonie unterstreichen soll. Seine schwere Wolken steigen aus einem kleinen Keramikgefäß auf und betäuben Geist und Seelen der Anwesenden. Zu guter Letzt wird, ebenfalls auf Holzkohle, häufig noch Popcorn zubereitet.
Jetzt ist es Zeit, die erste Tasse Kaffee zu trinken: schwarz, mit Zucker, mit Salz, mit Gewürzen (wie Kardamom, Nelken etc., die bereits mitgekocht werden), oder mit ein wenig Butter. Die Äthiopierinnen und Äthiopier lieben es, ihren Kaffee auf viele verschiedene Arten zu trinken. Diese erste Tasse - drei Tassen sind Pflicht - ist für den reinen Genuss. Während der zweiten Tasse werden, falls die Zeremonie für diesen Zweck arrangiert wurde, die akuten Probleme besprochen. Die dritte und letzte Tasse schließlich dient dem allgemeinen Segen der Anwesenden. Und zu allen Tassen wird Popcorn oder “Kollo”, geröstetes Getreide, gereicht.
Das Wichtigste an der Kaffeezeremonie ist der soziale Akt, die Zusammenkunft und das Lösen von Konflikten, nicht so sehr das Trinken eines guten Kaffees. Während der gesamten Zubereitungsdauer und des anschließenden Trinkens wird sich unentwegt unterhalten. Eine Kaffeezeremonie ist zeitintensiv. Und noch nimmt man sich diese Zeit in Äthiopien!
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