nix

nix
Wir glauben, Erfahrungen zu machen,
aber die Erfahrungen machen uns.
(Eugene Lonesco)

Sonntag, 2. Mai 2010

Vom Fressen & gefressen werden

Wieder einmal habe ich es zurück in die vermeintliche Zivilisation von Boca do Acre geschafft - wenn auch mit Problemen:Samstag Morgen ging es zusammen mit Natan in einem riesigen Einbaum flussaufwärts, bis nach einem kurzen Stopp bei der Verwandtschaft der schmalbrüstige Motor nicht mehr anspringen wollte. Ungewollt mussten wir so zwangsweise eine Pause im Hause einlegen, um auf den älteren, gleichsam weiseren Bruder von Natan zu warten, der schnell erkannte, das der Motor auf die Schnelle nicht zu retten ist, uns aber wenigstens seinen kleineren Einbaum nebst Motor zur Verfügung stellte. Da ja jede Medaille zwei Seiten hat und alles Schlechte auch etwas Gutes (Und dies aus meinem Munde!), kam ich so wenigstens noch in den Genuss von Yacaré (Caiman yacare) und Surubi (Pseudoplatystoma coruscans). Mit vollem Magen lag unser Canoa denn dann auch direkt besser im Wasser, was unsere Fahrtzeit aber nicht wirklich positiv beeinflusste. Nach insgesamt 6 Stunden und zwei Regengüssen kamen wir müde, durchnässt und mit schmerzendem Hintern in Boca do Acre an. Die Tage zuvor (und die ein oder andere gute Stunde) verbrachte ich in "Boa Hora" bei einer Familie, die sich aus Nonato (Vater), Maria Luisa (Mutter), Jordana (Tochter) und Sebastião (Sohn) zusammensetzt. Diese stellten mir freundlicherweise ihre Veranda zur Verfügung, wo ich mein Zelt aufschlug und es mir häuslich einrichtete. Von meinem Basislager aus brach ich dann jeden Tag zur Arbeit in den Mato auf - was sich ungefähr so gestaltete:
6:00 Uhr: Aufstehen, Zähne putzen, Losmarschieren(Vom Haus zum Untersuchungsgebiet sind es zu Fuß ungefähr 30 bis 45 Minuten! Da die schnellfliegenden Fledermäuse und Beija-flores (die "Blüten-Küssenden"! = Kolibris) dieselben, dem Wald abgetrotzten Pfade wie ich benutzen, kam es zu der ein oder anderen unliebsamen, erschreckenden Begegnung!)
7:00 - 9:00 Uhr: Beobachtung der Umgebung bzw. der sich darin bewegenden Tiere
(oftmals ziemlich langweilig, weil nicht viel los ist oder weil sich jeden Tag dasselbe Schauspiel zeigt: Papageien und deren Artverwandte, die nicht etwa Kakao, sondern viel lieber andere Früchte (wie z.B. Cecropia) fressen)
10:00 Uhr in Amazonien: Frühstückspause (d.h. 1 Packung Kekse + 1 Banane) an einem Moskitoarmen Ort (Schwer zu finden!)

(Von der Morgentoilette erzähle ich nicht ganz so ausführlich, weil der Ort dafür noch schwieriger zu finden ist, es keine ansprechende Toiletten-Literatur gibt und es einem die Blutsauger auch nicht gestatten würden.)
Den weiteren Vormittag verbrachte ich mit meiner alltäglichen Arbeit, die u.a. darin besteht, Kakao-Bäume ausfindig zu machen, diese zu markieren und deren Früchte zu zählen. (Was sich einfach anhört, kann aufgrund der örtlichen Begebenheiten in Stress und Schmerz ausarten. Jedenfalls weiß ich jetzt, woher das deutsche Sprichwort „in ein Wespennest stoßen“ kommt!)Den heißen Mittagsstunden entging ich durch den geregelten, aber schweißreichen Rückzug ins Basislager – nicht ohne sich vorher noch eines der eigentlichen Untersuchungsobjekte zu genehmigen. Dort angekommen gab es ein erfrischendes Bad im Purus, ein karges, aber so selbst gewähltes Mittagsmahl (bestehend aus Kochbananen und frittierten „Teiglingen“ (Que vivan los frititos!)) und der wiederholte Versuch eines Mittagsschläfchens. Da aber sowohl die Hitze und die stehende Luft in meinem Zelt als auch der agile und sprachbegeisterte Sebastião (Da kann selbst Peter Lustig zum Kinderhasser werden!) dies zumeist nicht zuließen, floh ich immer wieder in die undurchdringliche Tiefe des Waldes.

Dort gibt es auch nach wie vor immer wieder Neues für mich zu entdecken:
- ein Eidechsen-Paar z.B., das sich ungestört fühlt, und sich deshalb nur wenige Zentimeter vor mir hemmungslosem Werbungs- und Fortpflanzungsgebahren hingibt (Natürlich habe ich mit der Kamera voll drauf gehalten!);
- vorgetäuschte Regen-Geräusche, die entweder vom “Seed Rain” stammen oder aber von den stillen, aber nicht stummen Herrschern dieser Wälder, den Ameisen, zeugen (Dann heißt es “Lauf, Forrest, lauf!”): “It’s a hard, it’s a hard, it’s a hard...rain that gonna fall”;
- Tja, und mitunter (d.h. einmal) überraschen mich dann sogar die Foto-Fallen mit dem ein oder anderen brauchbaren Bild. Wurde mir in den ersten Tagen nur immer wieder die Fresse eines mir durchauus bekannten Zweibeiners gezeigt, war an meinem vorerst letzten Tag vor Ort der folgende “Abschuss” zu vermelden:

Meiner – noch unbestätiger – Meinung nach zeigt das Foto deutlich einen Vertreter der auch in Südamerika vertretenen Beuteltiere (Marsupialia), nämlich das gewöhnliche, ungewöhnliche Opossum (Didelphis marsupialis), das völlig uninteressiert sowohl an meiner Foto-Falle als auch an den bereit gestellten Kakao-Früchten vorbeistapft. Während das sich hier zeigende Opossum eher nachtaktiv ist, war ich des Abends und des Nachts eher faul und schläfrig. Nach dem gemeinsamen Abendmahl (von Nonato gefangener Fisch (Hier gibt es so viele verschiedene Arten und Ausführungen, dass fast jeden Tag etwas anderes den Teller füllte.) mit Reis und Bohnen und dem für die mir bekannten Brasilianer unumgänglichen Manjok-Mehl (stärkereiche Sägespäne)) und den täglich gleichen, einschläfernden Jagd- und Angel-Anekdoten von Nonato (Hier wird alles bejagt, was nicht bei 3 auf und davon ist: vom riesigen Jaú-Wels bis zum niedlichen Quatipuru (Eichhorn).) waren es die nimmer müden Moskitos und Sandfliegen, die mich zur Flucht ins insektensichere Zelt zwangen.Und während draußen die Grillen im Vollmond sangen, Maria-Luisa & Nonato auf der Veranda jeden Abend aufs Neue ausreichende Gesprächsthemen fanden (Und dies ohne großen, täglichen “Input” von außen! – Beeindruckend!),...wälzte ich mich im Kerzenschein in Erinnerungen oder träumte von neuen Projekten (Paris – Dakar 2011).

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen